Tell Schwandt, Verlagsvertretungen, 14089 Berlin, Lerchenstr. 14a, Tel. 030 - 832 40 51, Fax 030 - 831 66 51Kapitalismus bis 1913....Neuerscheinungen:.............................Links: Wirtschaft......Geschichte/Übersicht
![]()
indexTell&Sell
BesTellBuch@Tell-Online.descroll
scroll
scroll
bereits angekündigt:................................................................................................ scroll
scroll
Friedrich Wilhelm IV.
ein Romantiker auf Preußens Thron
48 S., Br., € 4,00Friedrich Wilhelm I.
Der friedfertige Soldatenkönig
48 S., Br., € 4,00Friedrich Wilhelm III.
64 S., Br., € 5,00scroll
scroll
scroll
scroll
scroll
scroll
scroll
scroll
scroll
scroll
........ scroll
............................................................................ scroll............................................................................zurück nach oben
scroll
Baumeister:
Kriegstheater 1914-1918
[ Ill. S. 249 ]
320 S., Gb., € 39,90Simone Trieder
Emil und Paul Riebeck
80 S., zahlr. Abb., Br., € 10,00
978-3-939468-14-1Jungblut: FAMOSE KERLE
Die Eulenburg Affäre
[der Wilhelminische Staat
nach Bismarcks Abdankung]
350 S., Gb., € 19,90................................................................................................ scroll............................................................................zurück nach oben
Wedemeyer-Kolwa:
[Körperkultur im Kaiserreich
u. in der Weimarer Rep.] € 68,00[Bremer Bolschewismus]:
KNIEF
249 S., Br., € 19,80Karl Marx:
Vom Selbstmord
Gb., € 16,50scroll
scroll
scroll
1848 und das Versprechen
der Moderne, 191 S., Br., € 25,00
978-3-8260-2557-0Malwida von Meysenbug
Florence
Ein Roman aus dem
viktorianischen England
104 S., Br., € 16,80
978-3-8260-3697-2Der Bürger als Soldat,
314 S., Br., € 16,90
978-3-89861-299-9scroll
scroll
............................................................................ scroll............................................................................zurück nach oben
scroll
scroll
Kapitalismus bis 1913 / Inhaltsangaben:
Reiseauftrag = = öffnen:
![]()
Giacomo Leopardi
Die Fortsetzung des Froschmäusekriegs
Eine italienische Zeitsatire über das Zeitalter Napoleons, der Restauration und der Revolutionen bis 1830/31
Zweispr. ital./dt. Übersetzt v. Heinz-Gerd Ingenkamp mit Kommentar von Karl-Hans Brungs
138 S., Br., € 16,80
3-8260-3280-2
Giacomo Leopardi, 1798-1837, gilt als der bedeutendste italienische Lyriker seit Petrarca. Sein stark pessimistisches Natur- und Menschenbild veranlaßte Schopenhauer, am Schluß seines Kapitels „Von der Nichtigkeit und dem Leiden des Lebens" (Die Welt als Wille und Vorstellung, Band 2) festzustellen: „Keiner jedoch hat diesen Gegenstand so gründlich und erschöpfend behandelt, wie, in unseren Tagen, Leopardi". Die „Paralipomeni" sind Leopardis letztes Werk. Sie sind in 4 Büchern zu je 45-51 Stanzen eingeteilt. Äußerlich geben sie sich als Fortsetzung des pseudohomerischen Epos „Froschmäusekrieg" (Batrachomyomachie). Die Mäuse haben die Frösche besiegt und sehen sich nun mit den Krebsen konfrontiert, die, um des „Gleichgewichts der Kräfte" willen, die Mäuse zu verfolgen beginnen. Die Identifizierung der Mäuse mit den heroisch posierenden, aber letztendlich feigen Italienern und der Krebse mit den ebenso dummen wie brutalen und niederträchtigen Österreichern wird dem Leser so gut wie direkt klargemacht. In zahlreichen Exkursen findet der Dichter Gelegenheit, sein Menschenbild, sein Ja zur Aufklärungsphilosophie des 18. Jahrhunderts, seinen Haß auf Despotismus, seine Neigung zur Demokratie, seinen Wunsch nach allgemeiner Volksbildung, seinen Respekt vor liberaler Wirtschaft usw. darzulegen.
![]()
Dittmar Dahlmann /Albert S.Kotowski / Zbigniew Karpus
Schimanski, Kuzorra u. a.
Polnische Einwanderer im Ruhrgebiet zwischen
der Reichsgründung und dem Zweiten Weltkrieg
302 Seiten, zahlreiche Abbildungen, € 7,95
3-89861-689-4 Klartext
Kuzorra, Szepan, Libuda, Abramczik und Schimanski – diese polnisch klingenden Namen sind heute den meisten Deutschen vertraut.Sie kennen sie als Fußballspieler oder als Hauptfigur einer Krimiserie in der Tatort-Reihe.
Wer die Telefonbücher der Ruhrgebietsstädte durchsieht, findet zu diesen und ähnlichen Namen zahlreiche Einträge.Wann aber und woher kamen ihre Vorfahren in das rheinisch-westfälische Industriegebiet? Dieses Buch schildert in vierzehn Beiträgen deutscher und polnischer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen die Gründe für die Einwanderung dieser so genannten Ruhrpolen, ihre Arbeitswelt, ihr kirchliches Leben, ihre Schulen, ihre Vereine und ihre Freizeitgestaltung sowie das mitunter durchaus schwierige Zusammenleben der Einheimischen und der Zuwanderer bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.
Brandes, Detlef / Neutatz, Dietmar / Zimmermann, Volker (Hg.)
Deutsche In Rußland
Ende des 18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts
Veröffentlichungen zur Kultur und Geschichte im östlichen Europa, Band 24
458 Seiten, Festeinband
ISBN 3-89861-107-8
"Dieser Katalog soll Historikern und ehemaligen Rußlanddeutschen, die sich für die Geschichte ihrer Vorfahren interessieren, bei ihren Forschungen helfen. Das Russische Historische Staatsarchiv verwaltet die Aktenbestände der obersten Behörden des Zarenreiches. Aus diesen reichen Beständen haben wir diejenigen Fonds ausgewählt, die am dichtesten die Geschichte und Kultur der Deutschen in Rußland in der Zeit vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zu den Revolutionen des Jahres 1917 dokumentieren."
1848 und das Versprechen der Moderne
191 S., Br., 3-8260-2557-1Königshausen & NeumannU.a. mit den Beiträgen:
Volker Kaiser:"Karl Marx - Darstellung und Kritik als Versprechen zur Moderne"
Jürgen Fohrmann:"Die Erfindung des Intellektuellen"
Preußen, wie es keiner kennt - Die Eulenburg-Affäre
Peter Jungblut
Famose Kerle
Eulenburg. Eine wilhelminische Affäre
Gebunden, 312 Seiten, € 19,90Ein General, der beim Auftritt im Ballet-Röckchen am Herzschlag stirbt, ein Fürst, der in Witzblättern beim Sex mit dem Berliner Stadtkommandanten gezeigt wird, Ausgangssperre für Ulanen, um sie vor dem Zugriff geiler Zivilisten zu schützen, eine Hellseherin mit besonderem Gespür für den Enddarm: Es ist verblüffend, wie offen und ausdauernd im preußisch-zackigen Kaiserdeutschland über Homosexuelle in höchsten Kreisen geredet wurde; verglichen damit erscheinen die Pressereaktionen auf die Kießling-Affäre und Wowereits Selbst-Outing geradezu harmlos. Die in den Text eingestreuten "Simplicissimus"- und "Wahrer Jacob"-Karikaturen sind an Deutlichkeit nicht zu überbieten - wer würde heutzutage schon Soldaten mit Handtäschchen und Make-up oder Spitzenpolitiker beim Oralverkehr zeichnen?! Der Journalist Peter Jungblut hat sich mit viel Neugier und Lust am schrägen Detail in die Quellen des Eulenburg-Skandals hineingearbeitet, der das Wilhelminische Kaiserreich erschütterte.
Eulenburg wurde gern als preußischer Seneca bezeichnet: ein Landadliger, der durch Kontakte eines Onkels zum Haus Bismarck in die Politik gelangte und durch seine Fähigkeiten als Alleinunterhalter und Musiker "einziger Busenfreund des Kaisers" wurde, mit Privilegien, wie sie sonst nur den Chefs regierender Fürstenhäuser zustanden. Jungblut stellt die tragikomische Geschichte vom Aufstieg und Fall dieses neuzeitlichen Favoriten erstmals ausführlich und zusammenhängend dar.
Alles beginnt mit der Pressekampagne des deutschtümelnden und kriegsversessenen Journalisten Maximilian Harden. Er hält Eulenburg und seine Freunde für Weichlinge, Frankreich-Fans und Fantasten. Ihr Einfluss auf den ist Kaiser ihm ein Dorn im Auge. Aus der politischen Intrige wird eine Schlammschlacht: Denunziationen, Duell-Forderungen, Beleidigungsprozesse, geheime Kripo-Dossiers - alles kommt zur Sprache. Urbayerische Zeugen bekommen in Preußen einen Dolmetscher. Ein Wiener Bademeister, eine tablettensüchtige Ehefrau, ein Leichtmatrose und schwule Offiziere packen aus, lügen und beeiden nach Kräften. Jungblut macht aus dem Material eine rosarote Preußen-Revue und beschreibt die verheerenden Auswirkungen des Skandals auf die damalige Schwulenszene.Peter Jungblut wurde 1961 geboren und arbeitet als politischer Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio in Berlin.
Leseprobe:
Peter Jungblut
Famose Kerle
Eulenburg. Eine wilhelminische Affäre
Gebunden, 312 Seiten, € 19,90
PROLOG - OLYMPISCHE FREUDEN, IRDISCHE LEIDENWozu Anstrengen? Fürs Paradies reicht Schönheit. Ganymed musste nicht schuften und nicht fromm sein, um auf den Olymp zu kommen. Moral wurde von ihm nicht erwartet, eher schon gute Werke, vorzugsweise im Bett. Göttervater Zeus verwandelte sich in einen Adler, packte den bildhübschen Hirtenjungen mit dem Schnabel und beförderte ihn mit mächtigem Flügelschlag hinauf in die Wolkenburg der Unsterblichen. Ganymed, der wohl gewachsene Knabe, durfte fortan Nektar und Ambrosia schlürfen. Er wurde der Mundschenk des Göttervaters und versüßte dessen Nächte - denn Schönheit "macht einen sanfteren Schlaf".
Aber Vorsicht: Licht wirft Schatten. Unverdiente Glückseligkeit erzeugt Neid und Missgunst. Der arglose Hirte ist umzingelt von hässlichen Gesichtern und hässlichen Gefühlen. Blauäugig sieht Ganymed nur das falsche Lächeln der Neider - die scharfen Zähne der Konkurrenten bleiben ihm verborgen. Ein Flötenspieler schreitet über Krokodile. Zeus ist verheiratet und seine Frau Hera ist eifersüchtig, verachtet den schmucken Ganymed. An diesem weibischen Weichling möchte sie ihre Lippen nicht verunreinigen. Sie hasst ihn, weil der Junge nur schön ist und trotzdem Erfolg hat. Ungerecht ist die Welt und ohne Moral. Ganymed, die reine Unschuld, weiß nichts davon. Nie hätte er seine Schönheit gegen Privilegien verkauft - und doch sind alle davon überzeugt. Wer so viele Reize hat, macht sich verdächtig. Sprosse für Sprosse klettert der arglose Günstling auf der Himmelsleiter nach oben, genießt mit klopfendem Herzen die Aussicht. Er weiß: Die weniger Glücklichen warten nur auf die richtige Gelegenheit zur Rache. Dann ist alles aus. Die Leiter bricht, es folgt der Absturz, und man wird nicht einmal bedauert. Wer sich zu alt und unansehnlich vorkommt für eine Ganymed-Karriere, darf sich mit dem Beispiel des Fürsten Eulenburg trösten. Er hat bewiesen, dass man auch noch um die vierzig "entdeckt" werden kann - sogar mit lichtem Haar und ersten Falten. Er schaffte es als reifer Mann so mühelos auf den Olymp wie einst der pubertierende Ziegenhirte. Der volle Glanz der Gnadensonne traf Eulenburg verspätet, aber um so gleißender. Das Füllhorn der Vorteile und Bequemlichkeiten weiß man mit Lebenserfahrung sowieso viel besser auszukosten als in der Jugendzeit, wo große (und echte) Gefühle bekanntlich noch wichtiger sind als weiche Betten und teure Weine. Eulenburg brachte es in seiner zweiten Lebenshälfte zum Favoriten und Troubadour des deutschen Kaisers und preußischen Königs. Eine Soldatenkarriere sollte er ursprünglich machen, wie sein Vater. Doch die Musen waren stärker: Der empfindsame Eulenburg studierte Jura, wurde nebenbei Dichter, Sänger und Komponist. Er plauderte mit Richard Wagner, war Stammgast in Bayreuth und schwer beeindruckt vom nordischen Sagenkreis. Als Diplomat im Auswärtigen Amt verdiente er seinen Lebensunterhalt, reiste in der Weltgeschichte herum und hätte als unauffälliger preußischer Landedelmann seine Tage auf dem Familiensitz Schloss Liebenberg bei Berlin beschließen können - wenn nicht Bismarck und Kronprinz Wilhelm seine Bahn gekreuzt hätten. Der charmante Eulenburg wusste zu gefallen, und flugs mauserte er sich zum Berater, Tröster, Vermittler, Liebling und Freund des deutschen Monarchen. Bei Hofe stört sich zunächst niemand an den herumgeflüsterten Geschichten aus Eulenburgs Privatleben. Der Fürst selbst leistet sich eine luxuriöse Gedächtnisschwäche, ganz nach dem Satz, der hundert Jahre später dem österreichischen Pop-Sänger und Kokain-Opfer Falco zugeschrieben wird: "Wer sich an die achtziger Jahre erinnern kann, der hat sie nicht erlebt." Das scheint für jedes Jahrhundert zu gelten. Eulenburg hatte sich in den kulturell wild bewegten 1880ern ausgetobt, vorzugsweise auf seinem damaligen Dienstposten in München, Starnberg und Umgebung. Es gab Gerüchte über seine Männergeschichten, aber keine Beweise. Das Glück bescherte ihm unterdessen Karriere, Titel, Orden und einen auskömmlichen Landsitz. Als er sechzig war, brach alles zusammen, erschütterte ein Skandal ohne Gleichen das deutsche Kaiserreich. Wer von der Akte Eulenburg den Staub bläst, muss erst mal Ordnung in die vergilbten Papiere bringen. Es geht erstens um die feine Gesellschaft, zweitens um Sexualität und drittens um hohe Politik. Günstlingswirtschaft, Männerliebe und deutscher Größenwahn: Das waren die Grundstoffe für diese Affäre. Ein historisches Überraschungsei - randvoll mit Spiel, Spannung und Süßigkeiten.
Fälschlicherweise wird Eulenburgs Sturz oft immer noch als reiner "Homo-Skandal" abgehakt. Früher nannte man so etwas eine "pikante Angelegenheit". Damit schrumpft der Skandal auf eine erotische Randnotiz aus dem Jahr 1907. Man könnte sich somit ganz auf Eulenburgs Vorliebe für Starnberger Fischerknechte, Matrosen und Möbelpacker konzentrieren. Doch es war nicht etwa moralische Empörung, die ihm zum Verhängnis wurde, sondern politische Rachsucht. Der Blick durchs Schlüsselloch ist also nicht die richtige Perspektive.
Das Auf und Ab des Philipp Eulenburg ist in den Geschichtsbüchern nur als Fußnote vermerkt. Sein Leben schnurrt dort auf die Frage zusammen: "War er eigentlich schwul?" Weil es dafür keine eindeutigen Quellen und Indizien gibt, bleibt es bei Spekulationen. Eulenburg war "immerhin Vater von acht Kindern", heißt es noch im Jahr 2002 entschuldigend in der "Neuen Zürcher Zeitung". Das stimmt zweifellos, aber damit ist das Rätsel leider nicht gelöst. Die Historiker reden sich gerne darauf hinaus, dass Philipp und sein bester Freund Kuno von Moltke "bisexuell" gewesen seien. Das lässt alle Möglichkeiten offen.
Ob er wirklich schwul war, ist in der Tat eine müßige und hundert Jahre später uninteressante Frage. Wie er runterfiel vom Olymp und dabei eine Lawine auslöste, das allein bleibt eine spannende, überraschende und skurrile Geschichte. Wer sich mit Suchstangen auf das Trümmerfeld wagt und hineinsticht, der trifft auf Nervenzusammenbrüche, Drogensucht, Hysterie und Geltungsdrang, auf Taschentücher, Riechwasser, Rouge, übergroße Ballettkleider und jede Menge andere Überbleibsel.
Mit Verspätung hatte Fortuna bei Eulenburg angeklopft, und sie verließ ihn erst, als eigentlich niemand mehr damit rechnete. Eulenburg war bereits Ruheständler, hatte gerade seinen sechzigsten Geburtstag hinter sich, als er unvermittelt zu einer Gefahr für Deutschland, zu einem schuppigen Ungeheuer hochgeschrieben wurde. Der berühmteste Journalist der Zeit spielte den Drachentöter. Maximilian Harden, der Gründer und Herausgeber der "Zukunft", hielt Eulenburg für den Kopf einer rosaroten Verschwörer-Bande im Vorzimmer des Kaisers. Der Journalist fürchtete um die deutsche Männlichkeit, sah den Thron umstellt von pazifistischen Weichlingen. Nach Hardens Ansicht herrschte höchste Gefahrenstufe: Schließlich war Deutschland umzingelt von Feinden, die nur darauf lauerten, das Kaiserreich zu überrennen. Männer wie Eulenburg paktierten am Ende sogar mit Deutschlands Erzfeind, mit dem rachsüchtigen Frankreich. Das galt es um jeden Preis zu verhindern.
Eulenburg wurde 1847 geboren, kämpfte in Bismarcks Einigungskriegen und hatte sehr schnell die Nase voll vom Hämmern mit der eisernen Faust. Ganz anders der Promi-Schreck Maximilian Harden. Er war Jahrgang 1861, also vierzehn Jahre jünger als Eulenburg. Kein riesiger, aber ein markanter Altersunterschied. Harden hatte die drei Kriege von 1864 bis 1871 nur als unbeteiligtes Kind miterlebt. Seine Generation nahm die neue deutsche Herrlichkeit als selbstverständliche Pflichtübung der Geschichte und träumte vom deutschen Weltreich, von Kolonien, von Einfluss und Flotte. Deutschland hatte mindestens Weltmacht zu sein - sonst waren Männer wie Harden nicht zufrieden. Dieser maßlose Anspruch der jungen Wilden traf auf das Ruhebedürfnis der Helden von gestern. Der säbelrasselnde Harden störte sich zwangsläufig am geschmeidigen Günstling Eulenburg. Der Softie musste weg von der kaiserlichen Tafel, herunter vom Gipfel des allerhöchsten Wohlgefallens. Eine politische Abrechnung wurde fällig.
Auch wenn Eulenburg als geschickter Diplomat zeitweise außerordentlich mächtig war - er ließ sich von den Verhältnissen treiben, statt sie energisch zu verändern. Er war ein typischer preußischer Landjunker mit schon damals reaktionären Ansichten und einem zeitbedingt nationalistischen Weltbild voller mythischer Spinnereien. Zum Verschwörer und Machtmenschen fehlten ihm jedoch alle Voraussetzungen: die Kaltblütigkeit, das Sendungsbewusstsein, der Größenwahn. Zum Missionar und Visionär war er vollkommen ungeeignet. Stattdessen konnte er auf eine verblüffende Beobachtungsgabe und politischen Instinkt bauen. Seine größte Stärke war die Fähigkeit, die Wünsche des Kaisers mit feinem Gespür zu erahnen und frühzeitig danach zu handeln: "Insofern war er das Gegenteil eines kompetenten Beraters: Er bekräftigte den kaiserlichen Willen, statt ihn zu korrigieren", klagt der Historiker Wolfgang J. Mommsen. Eulenburg war somit nur in Hardens Einbildung eine Gefahr für Deutschland. Der Favorit des Kaisers blieb in Wirklichkeit immer Komödiant. Aber das bewahrte ihn nicht vor dem Abschuss.
Erst zielte Harden mit Schrot, dann mit Kugeln und schließlich mit Kanonen, bis der ganze Olymp qualmte und bedrohlich wankte. Der Kaiser musste um seine Autorität fürchten und handelte. "Ganymed" Eulenburg fand keinen Platz mehr am gedeckten Tisch und landete in der Abfallgrube. Damit seine Orden, vor allem der berühmte preußische "Schwarze Adler", nicht schmutzig wurden, musste er sie rechtzeitig herausreichen aus seinem Schlamassel. Die Lichtgestalt Eulenburg war ausgeknipst worden. Maximilian Harden war einerseits am Ziel - und scheiterte dennoch. Am Ende einer ganzen Reihe von Prozessen, in deren Verlauf er mehr als einmal gedemütigt worden war, hätte er den Fürsten gern im Gefängnis gesehen. Doch der, obwohl sogar des Meineids überführt, verbrachte keinen einzigen Tag hinter Gittern. Er war gesellschaftlich erledigt, aber nicht als Krimineller gebrandmarkt.
Die Affäre Eulenburg spielt am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Pechschwarze Gewitterwolken ziehen über dem alten Europa auf. Deutschland isoliert sich mehr und mehr, während in Berlin alles über den Sturz eines verhätschelten Kaiserfreundes palavert. Klatsch und Tratsch ist in der Binnenwelt der höfischen Zelebritäten kein Freizeitvergnügen, sondern elektrisierender Lebensinhalt und Alltagsbeschäftigung. Die Schönen, Reichen und Berühmten haben mit sich selbst genug zu tun. Im Zeitalter viktorianischer Moral, der peinlichen Etikette, der komplizierten Hofordnung werden schon winzige Verstöße gegen Gewohnheit und Sitte zu ausgewachsenen Affären. "Die Intrigen, die lächelnde Maske der in Ehrgeiz und Hoffnungen aufgeblähten Figuren, die sich Menschen nennen", all dieses zeremonielle Gehabe ging Eulenburg auf die Nerven. Und doch war er selbst ein Meister hochadeliger Rollenspiele, ein Günstling aus Berufung.
Kurt Tucholsky schreibt deshalb zurecht über das jähe Karriereende Eulenburgs: "Dieser komplette Affentanz umeinander, gegeneinander, ohne einander - das soll Weltpolitik sein? Krisen wenn Eulenburg von Kanzlerkrisen spricht, denkt man an Nervenkrisen einer Romanfrau aus dem Jahre 1900, mit zerknautschten Taschentüchern und unbeherrschtem Geweine ... Das ist Politik? Das ist ein frecher Missbrauch von Staatsgeldern und Menschenkräften."
Der Fall Eulenburg ist somit eine Seifenoper vor dem Totentanz. Das letzte bittere Lachen einer Gesellschaft, die dem Untergang geweiht ist. Bevor die Kanonen donnern, freut man sich an diesem Melodram, diesem Kostümfilm. Alle Requisiten sind vorhanden: eine opulente Kulisse, ein Spieler, ein Gegenspieler, zahlreiche Mitspieler und eine Schwindel erregende Fallhöhe. Angst und Mitleid soll der dramatische Absturz des Tragödienhelden nach der antiken Theater-Theorie erzeugen, den Zuschauer dadurch reinigen, zu einem besseren Menschen machen. Doch nach dieser Aufführung kehrt man wenig geläutert nach Hause zurück: Das traurige Stück ist viel zu komisch. Das Publikum schwenkt fröhlich den Champagner-Kelch und genießt die schönste aller Freuden - die Lust am Schaden anderer. Vorhang auf für Eulenburg...
*) [Beachten Sie bitte den Haftungsausschluss im Impressum!]